Geschwister-Scholl-Schule Tübingen

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Tagebuch

Gedenkwoche an der Geschwister-Scholl-Schule vom 5.-9. November 2018

Erinnerung und Auseinandersetzung mit Geschichte ist wichtig. Deshalb haben wir SchülerInnen der GSS uns in der Woche vom 9.11., also der Woche 80 Jahre nach der Reichspogromnacht, intensiv mit der Geschichte der Tübinger Jüdinnen und Juden auseinandergesetzt.

Als allgemeine Einführung in das Thema der nationalsozialistischen Zeit hatten wir die Möglichkeit, am Montag, 5.11., einem äußerst spannenden und erschütternden Vortrag von Alwin Meyer „Vergiss deinen Namen nicht. Die Kinder von Auschwitz." zu hören. Dieser Vortrag ergänzte die gleichnamige Fotoausstellung in der Bonhoeffer- und Martinskirche.

Am Donnerstag, 8.11. hatten wir die Ehre, eine ehemalige Tübinger Jüdin bei uns zu empfangen und interviewen zu dürfen. Doris Doctor, geb. Bernheim, wurde vorerst zusammen mit ihrer Tochter Linda, ihren zwei Enkeln Tom und Oz und ihrer Schwiegertochter Maja bei Kaffee von Herrn Schall, Martin Ulmer von der Geschichtswerkstatt Tübingen, Wolfgang Sannwald, Julia Murken und zwei Schülern empfangen.

Doris Doctor ist im Jahr 1924 geboren, in Tübingen aufgewachsen und musste dann aufgrund der Folgen nationalsozialistischer Bewegungen in Tübingen ihre Heimat verlassen und nach England, später USA flüchten. Zu ihrem Glück musste sie selbst nie schwerwiegende Diskriminierung in Tübingen erfahren, da Freundinnen sowie ihre Lehrerin am Wildermuth-Gymnasium immer zu ihr standen. Dennoch hat die Flucht die Biografie der lebendigen und klugen Frau nachhaltig erschüttert und auch das Leben ihrer Kinder und Enkel überschattet.

Heute lebt Doris Doctor zusammen mit ihren Enkeln in Tel Aviv, Israel und kommt für Zeitzeugengespräche oder Besuche trotz ihres stolzen Alters von 96 Jahren regelmäßig zurück nach Tübingen, um Freunde zu besuchen, zu denen sie den Kontakt gehalten hat. So war Frau Doctor im Juli 2018 anwesend, als vor ihrem früheren Elternhaus in der Stauffenbergstraße 27 auf dem Österberg ein Stolperstein für die gelegt wurde.

Für uns SchülerInnen war es äußerst interessant und spannend, in den direkten Kontakt mit Zeitzeugen dreier Generationen zu kommen und deren Ansichten und Erfahrungen mit der deutschen Geschichte nachzuvollziehen.

Am Freitag, 9.11. schließlich gestalteten wir das Gedenken vor der Stiftskirche mit, indem wir die Biografien der vertriebenen Tübinger Juden verlasen. Beendet wurde dieser wichtige und bewegende Tag mit einer Gedenkfeier beim Synagogendenkmal in der Gartenstraße. Mit Sonnenuntergang läutete der Schwiegersohn von Doris Doctor, ein in USA lebender Rabbi, hier den Shabbat mit allen Anwesenden ein. Diese gemeinsame liturgische Feier, in der wir Brot teilten und uns die Hände zu einem Friedensgruß gaben, kann man als eine Geste der Versöhnung verstehen.

Nermin Turki, Malin Kaiser